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MEZINÁRODNÍ HUDEBNÍ FESTIVAL BRNO EXPOZICE NOVÉ HUDBY |
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Recenze
2004
XVII. Exposizione nové hudby in Brno - Musik 1, Jaap Blonk , 10 Länge: 7'50
"Wir und die Welt: Die Suche nach einer gemeinsamen Sprache" lautete das Motto der 17. "Exposize nové hudby" vom 19.-23. Mai in Brno, die gestern Abend mit einem gefeierten Konzert des Arditti-Quartet zu Ende ging. Mit Standardwerken der Moderne von Xenakis, Ferneyhough und Ligeti sowie drei Uraufführungen tschechischer Komponisten - von Martin Marek, Mirek Srnka und Martin Smolka - krönte es ein Programm, das die Pole seiner Suche zwischen neuer konzertanter und experimenteller Musik sehr viel weiter gespannt hatte. Der Stimmperformer Jaap Blonk mit Braaxtaal, die wir zu Beginn hörten, waren nur ein Beispiel. Das Experimentelle umfaßte außerdem elektroakustische Musik aus Spanien und Tschechien, Improvisation, Phil Niblocks Film als Musik oder eine Klanginstallation des Kieler Komponisten Hauke Harder. Einen wunderschönen Rahmen bot dafür die erst vor einem Jahre nach langer Restaurationsphase der Öffentlichkeit übergebene Städtische Galerie Dùm pámù z Kunštátu in der Altstadt mit ihren variabel nutzbaren Räumen, einem Café und galerieumsäumtem Innenhof. Veranstalter ist die städtische Konzertagentur ARS/Konzert, für die Programme zeichnet seit 1992 mit dem Brünner Komponisten Jaroslav Stastny alias Peter Graham eine engagierte Privatperson verantwortlich. Bei aller internationalen Offenheit des Programms gab es zwei thematische Schwerpunkte.- O-Ton 1, Jaroslav, take 2 + 3 (35'')
"Dieser Jahrgang steht vor allem im Zeichen des Jahres der tschechischen Musik... Schwerpunkt auf tschechischer Musik und jungen tschechischen Komponisten." Mit dem zweiten Akzent kam die Welt ins Spiel, fokussiert auf einen Ausschnitt, der dem künstlerischen Leiter wichtig ist. - O-Ton 2, Jaroslav, take 4 (40'')
"Für mich gehören die Impulse, die von der amerikanischen Musikszene ausgehen, zu den wichtigsten ... Im Grunde ist es alles eine Frage des Suchens ...dann findet man auch Berührungspunkte in den verschiedenen Werken." Hinter dem Begriff der Exposize aber, der Ausstellung neuer Musik, verbirgt sich letztlich eine trotzige kulturelle Alternative, die mit der wechselvollen Geschichte dieses eigenwilligen Festivals zu tun hat. Erstmals fand es in Brno 1969 statt, mußte nach dem zweiten Jahrgang 1970 bereits wieder eingestellt werden und erlebte erst 18 Jahre später, 1988, sein comeback. - O-Ton 3, Jaroslav, take 5 + 6 ( 40'')
"Diese Exposition neuer Musik stellte damals eine Ausnahme dar, weil die Komponisten selbst die Initiative ergriffen haben und selbst ihre Werke der Öffentlichkeit vorstellen wollten, während es normalerweise üblich war, daß Festivals [..] von der Organisation tschechoslowakischer Komponisten organisiert wurde. [...] Wie schon angedeutet war das hauptsächlich die Präsentation von mehreren künstlerischen Disziplinen gleichzeitig und eben von ganz neuen Werken von aktuellen Künstlern."Das Gemeinsame einer musikalischen Sprache war jedoch nicht nur ein Wunsch in die Zukunft, sondern hatte wichtige Programmakzente gesetzt. So stellte die tschechische Akkordeonistin Mária Kormanová der DVD-Version von Niblocks "Movements of people working" eine klangliche live-Version zur Verfügung. Petr Kotík hatte Schlagzeuger und ein Frauenvokalquartett aus Tschechien eingeladen, um mit ihm und Musikern seines S.E.M.-Ensembles Werke von Christian Wolff, Morton Feldmann und 2 Arbeiten von Kotík selbst - Beispiele amerikanischer Einfachheit - zu präsentieren. Der englische Fagottist Gareth Davis, sehr jung und sehr begabt, erwies auch alten Kämpen einer tschechischen Alternative zum sozialistischen Realismus wie Alois Pinoš und Arnošt Parsch seine Reverenz. Ganz nebenbei lernte man in diesem Solo-Recital mit Pavel Zemeks "Crámové solo", einem durch raumakustische Bedingungen inspirierten Stück von intensiver Leisigkeit, einen der offenbar originellsten tschechischen Komponisten, Jahrgang 1957, kennen. Und die aus Wuppertal stammende, exzellente Geigenimprovisatorin Gunda Gottschalk ließ sich durch Mährische Volkslieder zu einem Spaziergang durch eine so phantasiereiche wie moderne Klanglandschaft inspirieren. - Musik 2, Gunda Gottschalk, take 7, Anfang -20''
Das interessanteste Konzert aber boten junge Musiker aus Prag, die sich vor erst zwei Jahren zum Ensemble Konvergence zusammengeschlossen hatten. Sie erwiesen sich gegenüber der abstrakten Klangsinnlichkeit von Morton Feldmans "The Viola in my life II" als ebenbürtige Interpreten, wie auch bei George Crumbs Streichquartett mit Percussion "Black Angels" mit seiner unbekümmerten Archaik, die alle abendländischen Traditionen zum Teufel jagt. Daß junge Prager Komponisten diesem Trend der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts heute nicht mehr zu folgen gewillt sind, zeigten 3 Uraufführungen von Jan Ryba, Jahrgang 1981, Tomaš Palka, 1978 und OndÍej Štochl, 1975. In all' diesen jungen Seelen wohnt wieder ein romantisches Ich, das seine Sehnsucht unmittelbar in musikalische Klangbilder fließen läßt. Alle drei aber nutzten Möglichkeiten der Moderne, diese Klangbilder im Raum zusammenzusetzen. Am überzeugendsten durch ihre originelle, mikrotonale Harmonik war die Komposition Touha = Sehnsucht für Kammerensemble des erst 23jährigen Jan Ryba. Sensibel lotete er die Ränder des Tonalen aus, das zugleich Ziel- und Fluchtpunkt war.- Musik 3, Ruba, take 8, ab 1'35- 2'10 (35'')
[Die Interview-Teile habe ich nicht vollständig transkribiert.]
2003
Das 16. Internationale Festival für Neue Musik "expozice nové hudby" in Brünn vom 14. - 18. Mai 2003
Musik an ungewöhnlichen Orten. Mit diesem Konzept entstehen hierzulande neue Impulse für das klassische Konzertgeschehen. So vermutet der Besucher aus dem Westen bei der ersten Begegnung mit dem Internationalen Festival für Neue Musik im tschechischen Brno eine ähnliche Idee. Vom 14. - 18. Mai 2003 fand die "expozice nové hudby" im "Fléda", einem populären Club und Veranstaltungsort im südmährischen Brünn statt, der Stadt, die als Schaffensstätte Leoš Janáèeks bekannt ist. Aber selbst in der Stadt Janáèeks gäbe es keinen eigenen Ort für die Neue Musik, erklärt Jaroslav Šastný, der seit 1993 künstlerischer Leiter des Festivals ist. Nachdem das Festival die Jahre zuvor in Kirchen oder auch in alten Fabrikhallen zu Gast war, fand es in diesem Jahr im "Fléda" statt. Ein Ort, den man in Deutschland als soziokulturelles Zentrum beschreiben würde. Durch die Kneipe, in der sich junge Leute tummeln und laute Rockmusik läuft, gelangt der Besucher in die Konzerthalle. Die Podesterie ist mit alten Kinosesseln und Sofas bestückt, die ebenerdige Bühne bietet Platz für Kammermusikbesetzungen und Filmprojektionen.
An fünf Abenden war die "expozice nové hudby" hier zu Gast. Zu hören waren herausragende junge Interpreten zeitgenössischer Musik und aktuelle Kompositionen. Die Tradition des Festivals, das in diesem Jahr zum sechzehnten Mal stattfand, wird durch die Präsentation der tschechischen und slowakischen Musikszene fortgesetzt. 1969 wurde das Festival von tschechischen Komponisten um Josef Berg gegründet, um ein Forum für die nationalen zeitgenössischen Musiker zu schaffen. Anfang der siebziger Jahre fiel diese Initiative der repressiven Kulturpolitik nach dem so genannten Prager Frühling zum Opfer und konnte erst 1988 wieder ins Leben gerufen werden. Gegenwärtig finanzieren die Stadt Brno und das Tschechische Kulturministerium das Konzertprogramm. Seit einigen Jahren verändert sich das künstlerische Konzept. Der Universitätsprofessor, Musikwissenschaftler und Komponist Jaroslav Šastný setzt mit seiner Dramaturgie neue musikalische Akzente. Neben aktuellen Ensemblestücken von tschechischen und slowakischen Komponisten wie Alois Piòos, Martin Marek, Dano Matej oder Peter Zager sowie Ensembles wie Opera Aperta aus Bratislava oder den Prager Tuning Metronomes waren auch in diesem Jahr zahlreiche Namen der internationalen Musikszene vertreten. So lud Šastný Interpreten wie den Geiger Peter Sheppard Skaerved die Cellistin Catherine Marie Tunnell oder das niederländische Blockflötenquartett Malle Symen ein. Komponisten wie Horatiu Radulescu, ein führender Vertreter der französischen Spektralmusik, der Brite David Matthews oder der Kieler Hauke Harder waren mit ihren aktuellen Stücken zu Gast. Jaroslav Šastný besucht regelmäßig die internationalen Festivals und lädt so meist Interpreten und Komponisten ein, die er auf diesen Reisen kennen gelernt hat. Es herrscht eine kommunikative und kreative Atmosphäre zwischen Komponisten, Interpreten und Besuchern. Man trifft sich nicht nur an den Konzertabenden, sondern auch zufällig beim Stadtrundgang. Nicht nur aus diesem Grund trägt das Brno-Festival eine sehr persönliche Handschrift. Das Besondere der einzelnen Konzertabende ist die fast schon kompositorische Zusammenstellung der Werke. Diese sinnlich erfahrbare musikalische Dramaturgie gibt dem Festival sein ganz eigenes Profil. Aber das Engagement internationaler Künstler bedeutet auch einen finanziellen Kraftakt. Eine mäßige Gagenforderung in Euro hat in tschechischen Kronen schnell den drei- bis vierfachen Wert. Bleibt den Veranstaltern von der Agentur ARS/KONCERT zu wünschen, dass die finanzielle Unterstützung von Stadt und Ministerium langfristig gesichert ist. Denn nicht zuletzt fasziniert der gelungene Brückenschlag zum Publikum. Es sind nicht die geschlossenen Zirkel, wie man sie bei institutionalisierten Festivals wie Witten oder Donaueschingen trifft, son dern Neugierige, die der zeitgenössischen Musik offen begegnen. Die Neue Musik hat hier einen Platz in der Gesellschaft gefunden. Ein Festival, das Akzente setzt, und zum Nachdenken über den westlichen institutionalisierten Kulturbetrieb einlädt.
Ein bißchen Abseits vom Mainstream Ausstellung neuer Musik in Brünn von Antje Grajetzky
"Irgendwie ist das ganz gut, einen nicht so elitären Rahmen zu haben, sondern Leute die anders drauf sind und sich auch nicht so separieren, und deswegen finde ich das eigentlich mutig, daß sie das in einem Jugendzentrum machen. Selbst wenn man zwischendurch schon auch einen Schreck kriegt, weil die Sachen, wenn die so hart aneinanderprallen, passen sie auch nicht unbedingt zusammen, aber sowas kann ich mir in Deutschland kaum vorstellen."
Das sagt eine deutsche Besucherin im Fléda, einem populären Club und Veranstaltungsort im südmährischen Brünn. Hier tummeln sich junge Leute in T-Shirts, deren Aufdrucke auf westlichen Grunge- und Alternative-Rock verweisen. Es läuft laute Musik, man sitzt zusammen an Tischen oder steht am Tresen und das tschechische Bier fließt in Strömen. Das Mai-Programm des Fléda bietet eine wilde Mischung aus Funk, Blues, House und Jazzmusik. Mitten drin, vier Tage im Mai, ist allabendlich die "expozice nové hudby" angekündigt, nicht etwa grafisch abgesetzt, sondern ganz so als gehöre die zeitgenössische ernste Musik völlig selbstverständlich zum Veranstaltungsprofil. Ein Versuch ungewöhnliche Orte für die Neue Musik zu erschließen? "Neue Musik hat keinen eigenen Ort in der Stadt Janaceks. Meiner Meinung nach passt dieser Club sehr gut zu der Idee des Festivals. Aber ich habe auch sehr an diesem Ort gezweifelt, weil es eben immer noch eine Kneipe und ein Ort für Unterhaltung ist, und ich empfinde einen großen Unterschied zwischen Musik als Unterhaltung und der Musik, die das Festival präsentiert, die braucht Aufmerksamkeit. Ich hatte Angst, daß die Konzerte im Saal vom Drumherum gestört werden könnten." Damit hatte Jaroslav Šastný, der künstlerische Leiter des Festivals, nicht ganz unrecht. Gab es doch hin und wieder ein Kommen und Gehen mitten im Programm. So hatte der britische Geiger Peter Sheppard Skaerved, der am Eröffnungsabend ein Soloprogramm mit Kompositionen von David Matthews gab, sichtlich mit einem unruhigen Publikum zu kämpfen. Solche Störfaktoren aber blieben die Ausnahme beim Brünner Neue Musik Festival, das in diesem Jahr zum sechzehnten Mal statt fand. Die Jahre zuvor war es in einer alten Fabrikhalle oder auch in Kirchen zu Gast gewesen. Gegründet wurde die "expozice nové hudby" 1969 von einer Gruppe tschechischer Komponisten um Josef Berg. Nach dessen Tod 1971 und zunehmender staatlicher Repression nach dem so genannten Prager Frühling konnte das Festival erst nach fast zwanzig Jahren 1988 wieder ins Leben gerufen werden. Zunächst war das Programm ausschließlich zeitgenössischen tschechischen Komponisten gewidmet. Seit 1993 ist der Universitätslehrer, Musikwissenschaftler und Komponist Jaroslav Šastný der künstlerische Leiter. Er veränderte das musikalische Konzept. So waren in diesem Jahr neben aktuellen Ensemblestücken von tschechischen und slowakischen Komponisten wie Arnost Parsch, Alois Piòos, Martin Marek, Dano Matej oder Peter Zager Kompositionen für Cello solo von dem in Frankreich lebenden Rumänen Horatiu Radulescu oder das Kammermusikstück "Kleines Chroma, großes Limma" des Kieler Komponisten Hauke Harder zu hören. Viele der im Programm vertretenen Komponisten zählen auch zu den Besuchern des Festivals. Hauke Harder: "Ich denke, daß es diese Art von Festivals überall gibt, aber daß das schon sehr davon abhängt welche Personen das machen. Und wenn Leute mit einer musikalischen oder kompositorischen Idee dahinter stecken, dann kriegt so ein Festival auch eine Form, dann wird es eigentlich interessant, durch die Zusammenstellung der Arbeiten und erst recht, wenn die sich ein bisschen abseits vom Mainstream bewegt. Und das ist mit Sicherheit kein Mainstream Festival, obwohl ich persönlich finde, daß in diesem Jahr ein bisschen viel klassische Moderne vertreten ist." Aber auch das hatte seinen Grund. Zum Ligeti-Programm vom Freitagabend erklärt Šastný: "Selbst Ligeti ist in diesem Land immer noch ein unbekannter Komponist. Ligeti ist hier nicht so bekannt wie im Westen. Ich bin sicher, daß mehr als fünfzig Prozent der Zuhörer seine Musik zum ersten Mal gehört haben." Jaroslac Šastný besucht regelmäßig die internationalen Festivals und lädt oft Interpreten ein, die er auf diesen reisen kennen gelernt hat. "Für gewöhnlich lade ich Leute ein, die ich kenne, weil es sehr wichtig ist, sehr gut zu wissen, was es ist. Manchmal kenne ich die Interpreten nur von Aufnahmen oder ich habe Empfehlungen von Kennern. Dem liegt also meistens eine persönliche Erfahrung zu Grunde. Catherine Marie Tunnell habe ich in Heidelberg vor ein paar Jahren gehört und es war für mich so faszinierend, daß ich seit dem versucht habe sie hierher zu holen." Die Cellistin Catherine Marie Tunnell machte die Festivalbesucher vor allem mit Werken des Rumänen Horatiu Radulescu bekannt, der zum Umfeld der französischen Spektralmusik zählt. "Bei einem großen Festival wie in Donaueschingen siehst ein Gesicht einmal und am nächsten Abend ist schon weg, weil das Festival so riesig ist. Natürlich das ist hier irgendwie ein gemütliches Gefühl, man trifft Leute auf der Straße, ah ja, da ist der Direktor, da ist der andere, der gestern Abend gespielt hat, das ist der Komponist, der gestern Abend gespielt worden ist, das ist sehr interessant. Leute kommen aus Deutschland, aus England, aus Schweden, Holland wirklich sehr weit her, und ich glaube die haben nicht so viel Geld, die haben ein fantastisches Festival." Und kaum tritt man aus der Tür zu einem Stadtrundgang trifft man Jaroslav Šastný, der von Hotel zu Hotel flitzt, die Gäste abholt, zum Fléda begleitet, alle miteinander bekannt macht und so Jahr für Jahr ein Netz zwischen Komponisten, Interpreten und Besuchern weiter spinnt. Es herrscht eine kommunikative und kreative Atmosphäre in Brno. Nicht nur aus diesem Grund trägt das Brno-Festival eine sehr persönliche Handschrift. Das Besondere der einzelnen Konzertabende ist die fast schon kompositorische Zusammenstellung der Werke. Diese sinnlich erfahrbare musikalische Dramaturgie gibt dem Festival sein ganz eigenes Profil. Aber das Engagement internationaler Künstler bedeutet auch einen finanziellen Kraftakt. Eine mäßige Gagenforderung in Euro hat in tschechischen Kronen schnell den drei- bis vierfachen Wert. Bleibt den Veranstaltern von der Agentur ARS/KONCERT zu wünschen, daß die finanzielle Unterstützung von Stadt und Ministerium langfristig gesichert ist. Denn nicht zuletzt fasziniert der gelungene Brückenschlag zum Publikum. Es sind nicht die geschlossenen Zirkel, wie man sie bei institutionalisierten Festivals wie Witten oder Donaueschingen trifft, sondern Neugierige, die der zeitgenössischen Musik offen begegnen. Die Neue Musik hat hier einen Platz in der Gesellschaft gefunden. Ein Festival, das Akzente setzt, und zum Nachdenken über den westlichen institutionalisierten Kulturbetrieb einlädt. Dazu Hauke Harder: "Festivals wie dieses hier setzten schon einen Akzent auf der Landkarte, der vielleicht noch vollkommen unterschätzt ist, der aber der wichtig ist. Und ich fände es eigentlich schön, wenn man in den alten kulturellen Ländern wie zum Beispiel in Deutschland oder Frankreich da mal wieder hinschaut und auch versucht, sich da ein klein wenig dran zu orientieren."
2001
Rondo vor der Ankunft der liebenswürdigen Henker Klingende Flaschenpost mit doppelten Boden: Das Festival "Ausstellung neuer Musik" in Brünn
Die Konkurrenz zu Prag hat das Musikleben in Brünn seit jeher beflügelt. Und nicht wenigen gilt die von Repräsentationsbedürfnissen aller Art kaum behelligte, politisch machtlose mährische Hauptstadt in Kunstdingen sogar als der
vitalere und progressivere Ort. Die Jahrhundertfigur Janacek war dafür der berühmteste Exponent. Seit der "Samtenen Revolution" von 1989 geriet man aus ökonomischen Gründen gegenüber dem florierenden Prag deutlich ins Hintertreffen. Am Beginn des
neuen Jahrtausends allerdings gibt man sich wieder selbstbewußt genug, dem viel diskutierten Pragozentrismus des Landes eifrig zu trotzen und auch manche Standortvorteile gegenüber dem stolzen Konkurrenten herauszustellen - bezeichnenderweise vor
allem kulturelle. Unterm Strich hat das dazu geführt, daß sich in Brünn im Vergleich mit Prag heute zwar erheblich weniger, aber insgesamt die wohl mutigeren Kulturprogramme finden. Das 1969 ins Leben gerufene Musikfestival Musikfestival "Expozice
nové hudby" (Ausstellung Neuer Musik) ist dafür eines der besten Beispiele.
Die Gründung der Veranstaltung war, wie recht vieles in diesem Lande, eine Frucht der damaligen Liberalisierungen in der Kunst. Doch bezeichnenderweise wurde es nach deren jähem Ende bereits 1971 wieder abgeschafft. Erst als sich Ende der achtziger Jahre die verhängnisvolle Periode der sogenannten "Normalisierung" lockerte, durfte man an diese Initiative wieder anknüpfen. Die seit 1992 alljährlich ausgetragene Veranstaltung wird künstlerisch verantwortet von dem heute 48jährigen Komponisten Jaroslav Stastny - einem Programmacher mit vielen Ideen, die über den Tellerrand des Musikalischen ebenso weit hinaus reichen wie über eine bloße tschechische Sicht der Kunstwelt. Schon der beeindruckende Veranstaltungsort, die ehemalige Maschinenfabrik Vankovka, ist typisch für Brünn und sein Musikfestival, trug doch das gesamte Brünner Stadtbild nie die implizite Behauptung in sich, Tradition sei eine unantastbare Größe. Zwar sind seine architektonischen Konturen bis heute wesentlich geprägt von prachtvollen Gebäuden aus der Zeit Maria Theresias - weder der Einfall Napoleons noch auch die kommunistischen Jahrzehnte haben daran allzuviel geändert. Doch andererseits haben sich in kaum einer anderen mitteleuropäischen Stadt vergleichbarer Größe an ähnlich zentraler Stelle solch attraktive Industriebauten aus dem 19. Jahrhunderts erhalten. Die 1864 gegründete Vankovka-Fabrik war bis vor wenigen Jahren in Betrieb. Heute hat ihr Hauptraum, gesäumt von skulpturähnlichen Metalleinbauten und mit einer vorzüglichen Akustik gesegnet, den Charme einer veritablen Kathedrale des einstigen Fortschritts - und deren Verfall. Und wenn, wie bei diesem Frühlingsfestival, der Gesang der vielen im inzwischen üppig wuchernden Grün lebenden Vögel durch die undichten Fenster hereindringt, dann beflügelt und intensiviert das eher das gespannte Hören. Dies galt selbst für die strukturell komplexesten der bei dieser Veranstaltung aufgeführten Werke, sie stammten von dem ausführlich porträtierten 69jährigen Prager Komponisten Marek Kopelent. Kopelents Streicher-Sontate "Das Schweißtuch der Veronika" sowie sein Schlagzeug-Quintett mit dem sprechenden Titel "Rondo vor der Ankunft der liebenswürdigen Henker oder die dreimalige Anbetung der Hoffnung" sind faszinierend doppelbödige Flaschenpost-Reaktionen auf die erwähnte Phase der "Normalisierung", die ja eine Zeit der unzählbar vielen Internierungen von Künstlern und Intellektuellen war. Im Mittelpunkt dieser beiden 1973 entstandenen Werke stehen fahle Klänge großer Intensität. Sie vermitteln den Eindruck einer schier gespenstisch bedrohlichen Getriebenheit, einer Stagnation, aus der es scheinbar kein Entrinnen gibt. Doch Kopelent gelingt es, auf originelle Weise immer wieder auch ironische oder sarkastische Perspektiven zu verankern. In seinem auf die Zustände im Gefängnis anspielenden Schlagzeug-Stück geschieht dies durch ein vom Band kommendes schallendes Gelächter des imaginierten Gottes. "Der Mensch denkt, Gott lacht", heißt es in der berühmten Schrift "Die Kunst des Romans" von Kopelents Landsmann Milan Kundera. In diesem Musikwerk indessen entbehrt das Lachen nicht einer gewissen Bitterkeit. Zur Verdeutlichung der existentiellen Implikationen in Kopelents Musik setzte man beim Brünner Festival eine Engel-Installation der bekannten tschechischen Künstlerin Marie Hrebickova hinzu. Hinter dieser Idee stand die Angst, daß eine mit zeitgenössischer Musik nur wenig vertraute Hörerschaft sonst deren Feinheiten kaum wahrnehmen würde. Ohnehin besteht das Stammpublikum dieses Festivals offenbar weniger aus Musikenthusiasten und zum überwiegenden Teil aus Interessierten anderer Kunstsparten. Dem Festivalleiter Jaroslav Statsny geht es dementsprechend darum, einen möglichst hohen intellektuellen Anspruch mit größtmöglicher Anschaulichkeit zu verbinden und dabei immer wieder auf die Evidenz synästhetischer Impressionen zu setzen. Kaum ein Konzert, in dem nicht verschiedene Kunstsparten sowie Musikstile miteinander verschränkt würden. So war eines von ihnen zur Hälfte einer Lesung des tschechischen Kultdichters Jan Krchovsky vorbehalten. Und so waren zwei Improvisationskonzerte ergänzt durch - teilweise ebenfalls improvisatorische - Tanzeinlagen. Überhaupt zählt der Grenzbereich zwischen Komposition und Improvisation zu den besonderen Vorlieben dieses Festivals. Das Perspektivenreichste war in dieser Hinsicht die aus dem benachbarten Bratislava kommende Gruppe mit dem hübschen italienischen Namen "Vapori del Cuori" (Dämpfe des Herzens). Diese von dem Komponisten Daniel Matej geleitete siebenköpfige Formation arbeitet mit Anleihen aus Jazz und Volksmusik, vor allem aber mit allen denkbaren klanglichen Verfremdungsmöglichkeiten der zeitgenössischen Instrumentalmusik sowie Effekten der New Electronic Music. Einiges au ihrem Projekt wirkt hoch suggestiv, anderes ironisch, vieles ganz einfach schrill, exaltiert und faszinierend verzerrt. Die aufwendigste Neuproduktion des Festivals war ein Musikwerk fast konträrer Art: eine halbszenisch gebotene Oper des 34jährigen Brünner Komponisten Vit Zouhar mit dem Titel "Coronide". Der Clou dieser anschließend auch in anderen Städten aufgeführten Oper besteht darin, daß sie ein Libretto aus dem Jahre 1731 verwendet, dessen Orginalmusik verschollen ist. Im Kern enthält dieses Libretto eines nicht bekannten Dichters eine ganz unspektakuläre Liebesgeschichte. Doch Zouhar weitet diese durch die Einflechtung von Ovid-Texten zu einem postmodernen Polyperspektivismus. Musikalisch verwendet er vordringlich neobarocke Mittel, namentlich Trommelbässe a la Vivaldi und Wiederholungsmuster nach Purcell-Art, gewürzt durch einen reduktionistischen Stil in der Nachfolge der Minimal Music sowie von Arvo Pärts Tintabuli-Gestaltungen. Doch der Reiz dieses Remakes besteht weniger in solchen Stilbezügen, sondern vor allem darin, daß Zouhar die Schattierungmöglichkeiten des historischen Instrumentariums recht suggestiv einzusetzen weiß. In der Publikumsgunst hat das Festival, das seit diesem Jahr auf einer etwas besseren finanziellen Basis steht als früher, einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht. Inzwischen beteiligt sich auch der Tschechische Rundfunk daran - was in diesem Land immer noch eine Seltenheit ist. Die Situation der Neuen Musik in Tschechien wird von vielen, wie dem ewigen Skeptiker Marek Kopelent, immer noch generell als höchst schwierig angesehen. Indessen sind in jüngster Zeit auch etliche positive Signale erkennbar. Das Brünner Festival, eines der deutlichsten dieser Signale, war diesmal selbstbewußt unter dem Leitthema "Jaroslava" plakatiert, was auf deutsch so viel wie "Feier des Frühlings" meint. Auch heute dürfte kaum ein Tscheche über die Zeichen des Aufbruchs hinweghören, die in einer solchen Titelgebung mitschwingen. Und selbst die Vögel der Vankovka-Fabrik schienen dem beipflichten zu können. Jörn Peter Hiekel Musik Texte, 7.7.01 |
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